Trudeau


Und die Frau vom See
Eine kurze Geschichte über Liebe,
Leid, Verantwortung,
Vertrauen, Erotik
und Konsequenz
Leseprobe
Der fremde Mann, Trudeau, hatte da auf einmal gestanden. Als wäre er wie in einem SciFi-Film herbeigebeamt worden. Luc hatte sich ehrlich stark erschrocken, vielleicht auch, weil sie mal wieder viel zu tief in ihre Literatur vertieft gewesen war. Sie hatte sofort ihr Buch, «Aucassin et Nicolette» in der Ausgabe von Jean Dufournet, zur Seite gelegt und begonnen, den fremden Mann intensiv zu beobachten. Er war kräftig gewachsen, sein Gesichtsprofil deute etwas an, was sie so ohne Weiteres nicht deuten konnte. War es Verwegenheit, war es Aufmüpfigkeit, war es Kreativität. Sie wusste es in diesem Moment nicht richtig einzuordnen. Was sie völlig unsicher machte, war sie doch eine Meisterin im Deuten von Menschen. Und das auf den ersten Blick. Als Ben ihn dann angegangen war, hatte sie sehen können, wie dieser Mann für den Moment einer Sekunde in Kampfhaltung gegangen war, um aber sofort seine Körpersprache wieder herunterzufahren und zu deeskalieren. Ein Wesenszug, den sie in dieser Altersklasse so eher selten kennengelernt hatte. Er hatte die folgende Situation mit absoluter Nonchalance verbal dominiert. Auf eine Art und Weise, die dem Gegenüber nicht das Gefühl gab, instrumentalisiert zu sein. Was aber natürlich trotzdem der Fall war. Innerlich hatte sie darüber gelächelt, bis er sie angesprochen hatte. Nicht nur seine tiefe sonore Stimme war tief in sie eingedrungen. Er hatte auch sie sofort um den kleinen Finger gewickelt, wie er, ohne nachdenken zu müssen, ihren Namen richtig gedeutet hatte und nur einen Satz später ein äußerst charmantes Kompliment ausgesprochen hatte. Wie viele Männer kannten Tizian? Mal ehrlich?! Und wie viele von den Wenigen konnten einen Vergleich zur Venus von Urbino anstellen? Sie war sprachlos gewesen. Seit langer Zeit mal wieder. Oder lag es an ihrer Gelangweiltheit innerhalb dieser Gruppe von Halb- und Pseudointellektuellen. Sie hatte diesem Ausflug ihrer Schwester Miri zuliebe zugestimmt, es aber schon auf der Hinfahrt zutiefst bereut. Luc beobachtete Trudeau. Wie er aß, wie er sein Glas Wein nahm, nicht ohne jedes Mal vorher mit der Serviette über den Mund und die leicht geröteten Lippen gefahren zu sein. Sie sah, wie die Falten in seinem Gesicht mit der Art, wie er sprach mitbebten und manchmal zuckten. Sie beobachtete seine stahlblauen Augen. Dieser Mann, ja es war ein Mann, ein echtes Mannsbild, war sich völlig seiner Ausstrahlung und Eloquenz bewusst und nutzte diese schamlos, um mit der Gruppe junger Leute seine Spielchen zu treiben. Aber sie, sie würde ihm diese Spielchen austreiben. Noch diesen Abend.

Markus Korsmeier