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Gletschertor – Leseprobe 3

Snow – Leseprobe 3
Juni 24, 2018

»Die Hölle, das sind die anderen.«

― Jean-Paul Sartre

L'enfer, c'est les autres

 
E rneut eine kurze Pause. Imbert nahm die HK SFP9 in die Hand und zielte mitten in das Gesicht seines Gegenübers. »Markova hat sich zwei Schüsse in die Füße eingefangen. Aber nur, weil ich sie noch brauche. Bei Ihnen ist das völlig anders. Nennen Sie mir nur einen einzigen Grund, weshalb ich Sie noch brauche.«

»Woher wollen Sie wissen, dass ich das war?«, der Mann schrie es nahezu heraus. Seine Panik war unübersehbar. Er räusperte sich heftig. Mehrfach. Stille trat ein. Imbert lächelte sein Gegenüber an. Fand dann weitere Worte.

»Ihr Geräusper hat Sie verraten. An dem Abend. Ich werde es nie vergessen. Es wird mich lange Zeit begleiten. Eben auf der Tenne hat es Sie verraten. Jetzt erneut.«, Imbert spannte den Hahn. Der Mann hatte seine Contenance vollständig verloren, zerrte am Tisch, weinte. Schaute zu Jean Michel herüber. Winselte. »Ich gebe es zu. Ich bin Sergej. Ja. Das darf er nicht. Er darf mich nicht erschiessen. Schreiten Sie ein! Bitte!«

Jean Michel schluckte, stellte Blickkontakt zu Imbert her, dann zu Sergej.

»Ich habe keine Befugniss, meinem Vorgesetzten Befehle zu erteilen. Er wird wissen, was er tut. Vielleicht rettet es Sie, wenn Sie endlich anfangen, uns etwas Wichtiges anzubieten.«

Sergej blickte zu Imbert hoch. Seine anfängliche Gelassenheit war einer puren Panik gewichen. Seine Halsschlagader zuckte, seine Schläfen pochten. Schweiß trat aus seinen Schläfen hervor.

»Ich kooperiere. Allumfänglich. Gegen eine Kronzeugenregelung.«

Er schaute erneut bittend zu Imbert hoch. Der sich aber nur zum jungen Polizeianwärter umdrehte. »Wollen wir ihm eine letzte Chance geben?«, Jean Michel nickte nur. Stille füllte den Raum aus. Erneut. Zu hören war lediglich das Geräusch von Tropfen, die ihren Weg von Sergejs Stuhl auf den eichernen Fußboden fanden. Imbert sicherte seine Waffe, steckte sie zurück ins Halfter und begann seine Befragung. Hierzu bediente er sich seines Smartphones, welches ihm aus der eigenen Kriminalsoftware heraus alle offenen Fragen in chronologischer Form anbot.


 
W ar das nötig?«, Jean Michel stellte die kurze und knappe Frage, nachdem die Befragung Sergejs durch Imbert beendet war.

Sie hatten die Ergebnisse, zum Teil hochbrisant, schon während der Befragung an die anderen Teammitglieder weitergeleitet. Jetzt würden sich die offiziellen Stellen wahrscheinlich tagelang mit dem Heckenschützen befassen.

Imbert stand am Rand des Hofs und schaute versonnen in den Wald.

»Jean, wenn Sie Ihre Karriere bei der Polizei machen wollen, müssen Sie sich fragen, ob Sie dazu auch in der Lage sind.«

»Das ist keine Antwort auf meine Frage!«

»Ich weiß. "Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein."«

»"Jenseits von Gut und Böse", Friedrich Nietzsche. Was wollen Sie mir damit sagen?«

Imbert drehte sich um. Schaute in das jugendhafte Gesicht des jungen Manns. Dachte für einen kurzen Moment an seine eigene Jugend. Etwas Wehmut erfüllte seine Stimme.

»Als ich jung war, ungefähr in einem Alter wie Sie, erfüllt von Lebenseuphorie, Idealen und positiven Hoffnungsszenarieen; Damals hielt ich mich selbst für das, was man eventuell einen kleinen Humanisten schimpfen mag. Ich las die Schriften von Erasmus von Rotterdam und Karl Marx, von Spranger und Jaeger, nahm zusätzlich zu meinem Kriminalistikstudium etliche Vorlesungen in Philosophie. Damals war mein Glaube unerschütterlich, mit diesem intellektuellen Rüstzeug für meinen Lebensweg gewappnet zu sein und dem Bösen an jedem Ort und zu jeder Zeit entgegentreten zu können.«

»Und heute?«

»Heute, da befinde ich mich, befinden wir uns, mitten in einem weltumgreifenden Endzeit-Gefecht. Nehmen Sie die Attentate auf Charlie Hebdo, im Bataclan, in Nizza oder Brüssel. Nur als kleines Beispiel. Betrachten Sie den Terror des IS im Ganzen. Seine Grenzüberschreitung in jeder Form der Auseinandersetzung miteinander. Das über Bord werfen aller bisherigen Regeln. Purer instinktgetriebener Kampf. Schlimmer als Alt-testamentarisch. Auge-um-Auge ist da nur ein Anfang. Hinterlist und Tücke. Kinder und Frauen als menschliche Bomben. Da hilft kein Humanismus, da helfen keine gutherzigen Schriften. All dies, und ich könnte noch viel schrecklichere Dinge nennen, all dies hat aus mir einen skrupellosen Kombattanden gemacht. Im Auftrag einer gütigen Weltordnung eignete ich mir die abscheulichen, ekelhaften Verhaltensweisen des Feindes an. Um ihm nicht unterlegen zu sin und um ihm auf Augenhöhe entgegentreten zu können. Wissend, dass er vordergründig aus Saudi Arabien und Khatar und anderen Golfstaaten finanziert wird. Aber ferngesteuert ist durch die russischen Oligarchen, denen die Einnahme oder Zerstörung des Westens das einzige, ultimative Lebensziel ist.«

»Sich an seine Wurzeln zu erinnern, ist ein Anfang an sich zu arbeiten. L’existentialisme est un humanisme.«

»Oh, gut gebildet sind Sie auch. Kommen mit dem hochverehrten Sartre um die Ecke, um den alten Auguste Imbert an seine Eigenverantwortlichkeit zu erinnern. Aber ich erlaube mir, Sie ebenfalls mit Sartre zu beantworten. Existentialistischer Humanismus sagen Sie. Meint doch im Grunde, die Existenz geht der Essenz voraus. Der Mensch tritt in die wie auch immer geschaffene Welt ein und erst dort angekommen, definiert er sich selbst. Das ist die Reihenfolge. Der Mensch ist tatsächlich nur das, wozu er sich in seiner angeblich totalen Freiheit selbst macht. Dafür ist er dann eigenverantwortlich. Von dort holt er sich seine individuelle Würde. Er baut sich seine eigene Moral. Die ist dann seinen Eigenschöpfung, seine Eigenerfindung. Selbstgebastelt. Fast, wie aus dem 3D-Drucker des virtuellen Lebens. Dieser Mensch, ich rede jetzt tatsächlich von mir, ist die Summe all seiner getätigten Handlungen. Er ist nur in dem Maße existent, wie er immer wieder Selbstverwirklichung betreibt. Abschließend, Nacht für Nacht, aufschreckend im immer wiederkehrenden Alp, sagt sich dieser kleine Imbert-Mensch: mein Bedürfnis eines freiheitlichen, demokratischen, gütigen, friedfertigen, gleichberechtigten und lebenswerten Staates zwingt mich in die grausame Aktion, der ich im Kampf gegen das Schlimme folge.«

»Wie viele Menschen haben Sie während dieses Combats getötet?«

Imberts Reaktion ließ einen Moment auf sich warten, Dann sagte er leise

.

»Zu viele.«

»Und ist das dann noch lebenswert, wofür Sie da kämpfen?«

»Die Frage ist irrelevant.«

»Wieso?«

»Sie müsste korrekt lauten: ist das, was uns als Alternative droht, noch lebenswert?«