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Snow – Leseprobe 3

Gletschertor – Teaser
Juni 19, 2018
Gletschertor – Leseprobe 3
Mai 18, 2019

Westliche Französische Seealpen. 300 Sonnentage im Jahr. Stets blauer Himmel. Ein Ort von Harmonie und Gleichmut, der Zuflucht und der Liebe. Glückseligkeit im Herzen. Ein Paradies auf Erden.
Imbert und sein Team auf den Spuren einer internationalen Verbrecherbande. Im Kampf gegen Korruption und Drogen.
Und auf der Suche nach dem Inhalt seines Lebens. Einer Lüge aufgesessen. The Beautiful Lie. Das Herz bei lebendigem Leibe herausgerissen. Sich dennoch aufrappelnd und Lebensmut fassend inmitten schlimmer Tragödien. Phoenix.

 
A lles Katzen. Sie dulden keine Männer neben sich?!« Imbert schaute erst verblüfft, dann leicht verärgert.
»Emma. Ich weiß genau, wer ich bin. Darüber habe ich absolut keine Zweifel. Weder als Mann, noch als Angestellter des Innenministeriums. Auch wenn das jetzt arrogant überkommt. Und auf Ihre Frage zurückkommend. Wir hatten Verluste bei unseren Gegnern, als wir letztes Jahr den Kollegen Dousar aus einer ansonsten mit Sicherheit für ihn tödlich verlaufenden Situation befreit haben. Und ich bereue da rein gar nichts. Diese Typen waren Bestandteil eines Drogenkartells, welches zum Ziel hatte, den IS finanziell zu unterstützen. Wir haben das unterbunden und damit Schaden von diesem unseren wunderbaren Land abgewendet. Und darauf glaube ich, stolz sein zu dürfen. Ein Charlie-Hebdo weniger und ich bin sehr zufrieden.«
»Sehen Sie das nicht zu mono-dimensional?«
»Weil ich auf die Kernfrage stoße? Und diese sehr konkret beantworte? Glauben Sie, dass diese Antwort nur aus einem Bauchgefühl heraus kommt? Oder trauen Sie mir zu, darüber länger nachgedacht zu haben?«
»Nun, die Basis unserer Demokratie ist doch die Freizügigkeit des Individuums zu sichern ...«
»… Und genau das geschieht doch, wenn wir den Einfluss derer eindämmen, die nicht unserem mittlerweile softgewaschenem Humanismus anhängig sind. Diese Typen, ich mag sie nicht mehr Menschen nennen, haben sich als Aufgabe gestellt, den gesamten Okzident zu zerstören. Was als Ansammlung einiger fanatischer Sunniten begann, ist doch heute ein dschihadistisches Kalifat, um nicht den Begriff Diktatur zu missbrauchen. Ob ich nun von AQI, ISI, ISIS oder ISIL spreche, gemeint sind doch allesamt gemeine, mordende Daesh.«

Imbert hatte mit schnellen, stakkatoartigen Worten gesprochen und dabei ein komplettes Glas Wein sozusagen heruntergeschüttet.
»Sie können sich tatsächlich echt aufregen? Interessant. Weshalb glauben Sie denn, dass ihre Aktion damals sinnvoll war?«
»Weil wir mit dem Abfangen von mehreren Hundert Millionen Euro dafür gesorgt haben, dass eine der Finanzierungssäulen zumindest für einen gewissen Zeitraum abgerissen wurde.«
Emma schaute ihn fragend an, worauf hin Imbert dies zum Anlass nahm, weiter auszuholen.
»Erdöl, Raub, Lösegeld, Zwangsarbeit, großzügige Spenden insgeheim von den Saudis und offensichtlich aus Katar, sogenannte Steuern in den besetzten Gebieten. Sowie eben in nicht unerheblichem Umfang Geldmittel aus Drogenhandel. Das sind deren Säulen für die Finanzierung dieses Wahnsinns. Mehr als 5 Milliarden aktuell. Wenn ich das kurz feststellen darf: wir haben vergangenes Jahr an einem einzigen Tag 568 Millionen Euro aus dem Verkehr gezogen ...«

 
E mma drehte sich einmal um die eigene Achse, schaute durch den Wohnraum, dann blieb ihr Blick erneut auf Imbert haften.
»Ist es tatsächlich okay für Dich, wenn ich für die Zeit der Ermittlungen hier bei Dir und in Deinem Haus wohne?«
»Nun, meine Katzen mögen Dich. Pluspunkt. Was sollte also dagegen sprechen? Das Gequatsche der Abteilung oder meiner Nachbarn? Wen juckt das?«
»Nein, das nicht. Aber ich bin eine attraktive Frau in den besten Jahren und Du hast gerade eine schallende Ohrfeige erhalten. Ich möchte klar abgrenzen, wie weit Du mit mir und ich mit Dir gehen darf.«
»Klingt vernünftig. Aber vorher brauche ich ein Abendessen. Und ich sehe da frisches Hackfleisch und leckeres Gemüse, Ananas und Weintrauben. Sollte das nicht jetzt für einen Moment unser Hauptaugenmerk erhalten?«
Beide lachten, dann fing Imbert schlagartig zu weinen an. »Sie hat mir das Herz bei lebendigem Leibe herausgerissen.« Tränen schossen wie ein kleiner Fluss aus seinen Augen. Er zitterte. Schwankte ein wenig. Emma nahm ihn wortlos an die Hand, führte ihn ins Bad. Dort drehte sie den warmen Duschhahn auf, wechselte von der kräftigen Handdusche auf die beruhigende Regenwaldberegnung und stellte sich mit ihm, beide voll bekleidet, darunter. Er lehnte sich dankbar an sie an und erlangte langsam die Gewalt über seinen zuckenden Körper zurück. Emma streichelte zärtlich durch seinen Nacken und sprach leise zu ihm.
»Auguste, ich bin nicht die, die Du willst. Und ich bin auch nicht die, die Du kriegen kannst. Aber ich bin die, die Dir in dieser Situation zur Seite stehen kann und Dir helfen kann, über Dein Leid hinwegzukommen und wieder aktiv der Directeur zu werden, auf den ich, auf den Paris und in gewisser Weise, auf den sein Land wartet. Ich, wir, brauchen den alten Imbert. Und nebenbei bemerkt: Selbst in dieser für Dich so schrecklichen Situation strahlst Du so viel Stärke aus. Jetzt zittere ich ...«