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Gletschertor

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Gletschertor


L » ’homme sensible moderne « ne souffre pas pour tel ou tel motif particulier, mais, en général, parce que rien de cette terre ne saurait contenter ses désirs. ― Jean-Paul Sartre

Der sensible Mensch leidet nicht aus diesem oder jenem Grunde, sondern ganz allein, weil nichts auf dieser Welt seine Sehnsucht stillen kann.

Hier zehn Sätze rund um Hautes Alpes, Madame Carle, ...


 
E igentlich hatte er den Schuss eher gespürt, als er ihn gesehen hatte. Das Aufblitzen im Lauf der Waffe war nur ein kleine Zutat, eine Prise im hochkomplexen Geschehen weniger Sekunden gewesen. Sozusagen ein »nice to have«, wenn man davon so reden konnte, während einem eine solche Fangschusskugel durch die linke Schulter knallte.

Die Frau war über den am Boden liegenden Mann gebeugt gewesen, hatte ihm eine Kette mit einem Anhänger vom Hals gerissen und sich dann geschmeidig aufgerichtet. Wenige Meter neben den beiden öffnet eine dieser mehrere hundert Meter in die Tiefe führende Gletscherspalten ihren verzehrenden Schlund. Die Frau hatte versucht, den Mann genau dorthin zu rollen. Seine Gegenwehr war erloschen, hatte sie ihn doch wenige Momente zuvor mit einem gezielten Stich ihres Nickers, Jäger benutzen so etwas zum Abziehen von Fellen, im Bereich S4/S5 des Rückenmarks total paraplegiert. Komplettlähmung. Imbert, vorneweg auf dem Eisfeld laufend, gebunden an eine 25 Meter lange Sicherungsleine zu der hinter ihm gehenden Romy, hatte aus der Mitte und am höchsten Punkt des leicht bogenförmigen Gletscherfelds gesehen, wie die Diskussion der gut 300 Meter vor ihm stehenden beiden Personen eskaliert war. Er hatte noch laut »Stopp!« gerufen, woraufhin sich die Frau langsam umgedreht hatte, ihre Desert Eagle, Kaliber .50 AE aus der Innentasche gezogen hatte, sie durchgeladen hatte, und ohne erkennbare Aufregung konzentriert auf ihn gezielt hatte.

Imbert war zur Salzsäure erstarrt, hatte Blickkontakt zu seinem Gegenüber aufgenommen; eine Momentaufnahme des Lebens schoss ihm erneut durch den Kopf. Zeitraffer seines 54-jährigen Lebens. Als Kind mit dem geklauten Motorrad; die Schussverletzung in Albanien, eine weitere in Marseille; seine Liebeseskapaden rund um »seine« Romy; seine verbalen Gefechte mit Präfekt Norac; frohe, hoffnungsvolle und nicht so frohe Momente mit seiner Familie; seine nie erloschene Liebe zu den ihm so nahestehenden Katzen daheim; all dies im Sekundenbruchteil eines komplett unerwarteten Moments.


Das dritte Buch in dieser Serie. Und nicht minder spannend zu lesen.”

Norbert Brunner