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Anno 56. Caesar. veni, vidi, vici. Hohe, majestätische Berge ragen in die Wolken. Silberne Bäche springen zu Tal. Grüne Wiesen bedecken die Hügel der Caturigen. Befestigte Dörfer auf steilen Felsen. Orte der Sehnsucht. Und der Liebe. Heute. Südfrankreich. Ein fast vergessenes Département. Ein Toter. Mitten im Nirgendwo. Imbert auf der Suche nach einer kaum verfolgbaren Spur von Drogen, Verwicklungen und Anschuldigungen. Im Zwiespalt seiner Gefühle zwischen zwei Frauen. Und erneut Spielball höherer Politik.

 
V ollmond. Man möchte fast sagen Silbermond. Sternenklare Nacht. Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt. Absolute Stille. Absolut? Nein, dem geübten Ohr war das Rauschen des bubu bubu nicht entgangen. Der Uhu, als ganzjähriger Bewohner dieses Alpenbereichs hier heimisch und ein echter Standvogel, hatte seine Beobachterposition hoch im Kopf einer mittelalten Lärche auf knapp 30 Metern Höhe verlassen und war im nunmehr nahezu geräuschfreien Sinkflug hinter einer kleinen Anhöhe verschwunden. Unerwartet elegant kreiste er Runde um Runde tiefer dorthin, wo sich die Ubaye im Laufe von Jahrhunderten ein erstes Flussbett in den kiesigen, steinigen Grund des Alpenmassivs gespült hatte. Viele kleine und mittelgroße Torrents, sogenannte Wildbäche, namhafte wie der «Torrent de Cornascle», der «Ravin des Blavettes» oder auch der «Béal de Parouart» und weniger bekannte schlossen sich an dieser Stelle zusammen und ergaben hier den Quellbereich der Ubaye.

Dort, auf einer der vielen kleinen Kiesbänke, die sich nur wenige Tage im Jahr den breiten Fluten der zusammengetragenen Bäche unterwerfen müssen, verfehlte der Uhu sein Ziel nur um wenige Zentimeter. Die Maus, von Beginn an Begleiter des Menschen in seinen Lebensräumen, war im letzten Augenblick unter die Kleidungsstücke eines ebensolchen geflüchtet. Während der Uhu sich mehrfach umschaute und alsdann unverrichteter Dinge schwerfällig abhob, krabbelte die Maus nach einem kurzen Moment des Verharrens auf der Innenseite eines blutverschmierten roten Flanellhemds hoch, äugte am pulsierenden Hals des Trägers vorsichtig um sich, leise fiepend und lief über seine rechte Wange am Kopf hoch, eine feine kleine Spur aus Blut hinterlassend, welches sich an ihren kleinen Pfoten abgesetzt hatte.


 
D ie östlichen Seealpen, die Alpes Maritimes, schossen mit hoher Geschwindigkeit auf sie zu. Eigentlich waren es nur deren nördlichen Ausläufer, war doch eine imaginäre horizontale Linie zwischen Barcelonnette und Cuneo deren Begrenzung. Imbert musste sich in seinen Gedanken mal wieder selbst korrigieren. Wohnte er doch mittlerweile schon über 25 Jahre in dieser herrlichen Gegend. Es waren, um unnötigen Stress mit den Einheimischen zu umgehen, die südlichen Cottischen Alpen.

Cottius, Herrscher von Susa, hatte diesen entlegenen Teil der Alpen 13 v. Chr. kampflos an Augustus, den Haupterben Gaius Iulius Caesars, übergeben. Was ihm die einen als diplomatischen Schachzug, die anderen wiederum schlicht als Feigheit auslegten. Imbert kramte weiter in seinem Gedächtnis. 36 imposante Alpengipfel mit über 3.000 Metern Höhe gab es in diesem Gebiet. Angefangen mit dem legendären Monviso mit seinen majestätischen 3.841 Metern Höhe, der als Stammvater aller cottischen Berge der südlichste Alpengipfel oberhalb von dreieinhalbtausend Metern war. Und neben sich nur Berge mit wenigstens 500 Metern geringerer Höhe duldete. Und auf seiner Ostseite das erquickende Quellgebiet des längsten italienischen Stroms, des Po, lieferte. Imbert kannte einige der anderen Gipfel aus dem Flugzeug, den Aiguille de Chambeyron, den Grand Glaiza, den Pain de Sucre oder auch den Mont Thabor. Würde er eines Tages reinkarniert werden, so würde er sich ausbedingen, hier als Aquila Chrysaetos, als Steinadler, sein weiteres Leben fristen zu dürfen. Imbert liebte diesen oberen Zipfel der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur.

Während Romy die letzten Kilometer vor Barcelonnette, einer unendlich langen Geraden, den völlig übermotorisierten TCe 275 auf 180km/h beschleunigte und langsamere Fahrzeuge im Dutzend überholte, ging er im Kopf die Standardermittlungsverfahren bei Todesfällen durch.